Aktuelle Ausgabe

4-2022

Liebe Leser*innen von Inklusion-Online,
wir freuen uns, Ihnen hiermit die 4. Ausgabe von Inklusion-Online des Jahrgangs 2022 vorlegen zu können. Mittlerweile entspricht es fast schon einer kleinen Tradition, am Ende des Jahres Ihnen eine Reihe thematisch auf den ersten Blick nur locker miteinander verbundener frei eingereichter Beiträge zu präsentieren. Die Beträge vermitteln in ihrer Gesamtheit stets ein – wenngleich natürlich in keiner Weise repräsentatives – Bild von Aktivitäten aktueller Inklusionsforschung, mit ihren empirischen Schwerpunktsetzungen und wahrgenommenen Problemlagen. Es bleibt Ihnen als Leser*innen überlassen, möglicherweise darüber hinaus auch weitere verbindende Beobachtungen zu machen, die gewissermaßen quer zu den vorgelegten Beiträgen liegen mögen. Möglicherweise deutet sich in ihnen ein erneuertes Interesse an theoretischen Überlegungen und begrifflichen Versicherungen, an kritischer Reflexion auf Grundlage der gesellschaftlichen und politischen Veränderungen, die durch die Ratifizierung der UN-BRK erfolgt sind, an, - ein Interesse, das Keimzelle und Perspektive sein mag für eine zukunftsgewandte Inklusionsforschung, die sich ihres letztendlich emanzipatorischen Kerns gewusst bleibt.

Oskar Dangl und Doris Lindner erörtern zu Beginn das grundlegende Beziehungsgefüge zwischen den Kategorien Würde und Inklusion vor dem Hintergrund der politisch-rechtlicher Fachdiskurse und ziehen ihre Schlussfolgerungen aus einem kritischen philosophisch-pädagogischen Blick. Es wird danach gefragt, was aktuell unter Menschenwürde verstanden und welche Rolle ihr im Kontext der Menschenrechte, insbesondere in der Argumentationslogik der UN-BRK, zukommt. Auf Basis ihrer diskursiven Annäherung an die Begrifflichkeiten Würde und Inklusion wird die Frage in den Raum gestellt, inwieweit die Kategorie der Würde als Begründung und Ableitung der Menschenrechte dient oder in Umkehrung dazu ihr Ziel darstellt. Menschenwürde würde demnach als ethische Aufgabe fungieren, als „Gestaltungsauftrag, menschenwürdige Verhältnisse zu schaffen, die allen Menschen ein würdevolles Leben ermöglichen“. Insofern scheint die UN-BRK über das klassische Würdemodell hinauszuweisen. Ebenso diskutiert wird der Disput zwischen einem gelingenstheoretischen und einem freiheitstheoretischen Konzept der Menschenwürde. Die Schlussfolgerung der Autor*innen lautet: „Die Menschenwürde ist einerseits die theoretische Voraussetzung der Begründung von Inklusion als Menschenrecht, andererseits ist Inklusion die empirische Bedingung des Gelingens der Realisierung der Würde von Menschen mit Behinderung.“

Unter Bezugnahme auf das Prinzip der Elementarisierung werden in dem Beitrag von Jonathan Klix, Katrin Kreuznacht und Imke Niediek Potenziale und Herausforderungen verschiedener Genderkonzeptionen in Texten Leichter Sprache aufgezeigt. Den Autor*innen geht es darum, eine analytische Perspektive auf Texterzeugnisse zu erarbeiten, die Genderfragen in Leichter Sprache thematisieren. Texte in Leichter Sprache „elementarisieren“ grundlegend mehrdeutige Konstrukte wie Gender auf unterschiedliche und möglicherweise auch widersprüchliche Art. Diese Elementarisierung, das Kreisen um den ‚Kern der Sache‘, ist ein analytisch komplexer Vorgang. In ihrer jeweils konkreten Form, so die zentrale These des Beitrags, eröffnen Texte in Leichter Sprache fundamentale Einsichten und damit weitreichendes, erkenntnisstiftendes Potenzial auch für inklusive Bildung. Das Verständnis von Elementarisierung im Sinne einer Perspektivenanalyse unterschiedet zunächst zwischen dem Wie und dem Was des Erzählens. Anhand exemplarischer Analysen zweier Textbeiträge werden dann Positionierungen und Pointierungen in den Redeweisen über Genderdiversität herausgearbeitet. Die Berücksichtigung dieser Positionierungen ist für den emanzipatorischen Anspruch beider Texte ebenso notwendig wie für das Gelingen von Inklusion. Der Beitrag sieht die Relevanz eines rezipierenden wie produzierenden Umgangs mit Texten in Leichter Sprache im Rahmen inklusionsorientierter (Hochschul-)Bildung in der Chance, intersektionale Interdependenzen diskriminierender Strukturen sichtbar und erfahrbar werden zu lassen.

Ines Boban und Andreas Hinz nehmen sich die Konzepte Inklusion und Partizipation vor und unterziehen diese einer kritischen Reflexion auf Basis der deutschsprachigen Debatte und mit internationalem Bezug auf den Weltbildungsbericht 2020 der UNESCO. Als darüber hinaus gehender Bezugspunkt dient die Rezeption der „Theorie des Partnerismus“ mit ihrem Kontinuum zwischen Dominanz- und Partnerschaftssystem. Dabei scheint Hinz und Boban zufolge „die Widersprüchlichkeit zwischen hierarchischen Verhältnissen und egalitären Horizonten von Inklusion und Partizipation auf. Untersucht wird der Bezug konkreter pädagogischer Handlungsstrategien auf diese Polarität“. Der Gewährung, dem bloßen Zugeständnis von Partizipation liegen Dominanzverhältnisse innerhalb von Herrschaftsverhältnissen zugrunde, während die Gewährleistung von Partizipation partnerschaftliche Orientierungen voraussetzt, woraus auch Sprengkraft für die bestehenden Herrschaftsverhältnisse heraus entstehen kann. Ein Inklusionsverständnis sowie inklusionsorientiertes Handeln, das sich der menschenrechtlichen Begründung der UN-BRK verpflichtet fühlt, bedarf eines solchen partnerschaftsorientierten Feldes innerhalb bestehender Herrschaftsverhältnisse. Der Text plädiert für die Berücksichtigung dieser Widersprüchlichkeit im gesellschaftlichen Kontext - auch in der Forschung.

Svenja Hölz, Sandra Grüter, Phillip Neumann und Birgit Lütje-Klosebefassen sich auf empirischer Grundlage und vor dem Hintergrund bestehender empirischer Erkenntnisse mit der Rolle pädagogischer Fachkräfte in multiprofessionellen Teams an inklusionsorientiert arbeitenden Schulen. Als Reaktion auf den Fachkräftemangel insbesondere an sonderpädagogischen Lehrkräften wurden in Nordrhein-Westfalen Stellen für Multiprofessionelle Teams im Gemeinsamen Lernen an weiterführenden Schulen geschaffen. Diese sogenannten MPT-Stellen werden mit vornehmlich schul(sozial-)pädagogisch ausgebildetem Personal besetzt. Ziel dieser Vorgehensweise ist es, Lehrkräfte auch in und durch unterrichtsnahe Tätigkeiten zu entlasten. Eine systematische Evaluation dieser bildungspolitischen strategischen Entscheidung steht hingegen noch aus, ebenso eine Antwort auf die Frage, welche Qualifizierungsmaßnahmen über multiprofessionelle Kooperation und sonderpädagogische Inhalte hinaus zu ihrem Erfolg beitragen könnten. Im Beitrag wird auf Grundlage der Ergebnisse einer explorativen Interviewstudie der Frage nachgegangen, welche Aufgaben und Zuständigkeiten die Fachkräfte in multiprofessionellen Teams in der Praxis übernehmen und welche Erfahrungen damit verbunden sind. Die unscharfe Verortung zwischen Sonder- und Sozialpädagogik bleibt dabei eine ambivalente Herausforderung in der inklusionsorientierten Unterrichtspraxis.

Im schulpädagogischen Diskurs der Erziehungswissenschaft schließt der Inklusionsdiskurs inhaltlich meist an die Diskurse zu Benachteiligung, Ungleichheit und Heterogenität (Differenz) an. Es geht dabei um die schulischen, unterrichtlichen und professionellen Kulturen und Praxen der (Re)Produktion sozialer Ungleichheit, Behinderung und Differenz- bzw. Normalitäts- und Abweichungskonstruktionen. Tanja Sturm hinterfragt individualisierende Erklärungen für diese Differenz- bzw. ableist divides-Konstruktionen und die damit verbundenen Behinderungen und Benachteiligungen sozialer und akademischer Teilhabe bzw. Partizipation im schulischen Kontext. Unterrichtliche professionalisierte Praxen sind dabei nicht als bloße Mikrophänomene zu interpretieren – losgelöst von den sozialen und materialen Rahmenbedingungen, in denen sie eingebunden sind. Praxeologische Wissenssoziologie und Dokumentarische Methode stellen dabei ein Instrumentarium bereit, diesen Umstand theoretisch und methodologisch angemessen zu berücksichtigen. „Das heißt, dass Differenzkonstruktionen in unterrichtlichen Praxen (auch) als Ergebnis der Bearbeitung gesellschaftlich-institutioneller Normen und Erwartungen vor dem Hintergrund der  (…) Erfahrungen, der eigenen Ideale und Vorstellungen, die die Lehrpersonen an ihr unterrichtliches Handeln haben, zu fassen ist“. Der Beitrag analysiert Differenzkonstruktionen aus Ausschnitten zweier Schulgesetze (Sachsen-Anhalt und Hamburg). Die Implikationen der gesellschaftlich-institutionell kodifizierten Differenzkonstruktionen werden abschließend in ihrer Bedeutung für die Genese unterrichtlicher Praxen der Differenzkonstruktion in Schule, Unterricht und professionalisierten Praxen reflektiert.

Die Verpflichtung, sich im Sinne der UN-BRK zu einem inklusionsorientierten Bestandteil des Bildungssystems weiterzuentwickeln, ist auch an den Hochschulen und Universitäten der Länder angekommen und führt hier nicht minder zu Anforderungen an die zukünftige Organisationsentwicklung, Qualitätssicherung und strategische Aufstellung der Institution. Marco Miguel Valero Sanchez befasst sich in diesem Zusammenhang mit den (hochschul)rechtlichen Rahmenbedingungen und Steuerungselementen, denen sich inklusionsorientierte Hochschulen bedienen, die jedoch angesichts der bislang zu beobachtenden Veränderungen kaum empirisch begleitet und analysiert wurden. Der vorliegende Beitrag untersucht auf Basis einer komparativen Textanalyse, wie sich die UN-BRK und deren umsetzende Anwendung in den (z.T. neu formulierten) Hochschulgesetzen und entsprechenden Aktionsplänen der Bundesländer niederschlägt und erkennbar wird. Dabei geht es nicht nur um die Verbesserung von Studienbedingungen und -verhältnissen für Studierende mit Beeinträchtigungen an den Hochschulen, sondern auch um den Blick auf die Anschlussfähigkeit der Studienerfahrungen im weiteren Lebenslauf. Gelingende Inklusion muss sich dabei in einem Kontext von prekären Beschäftigungsverhältnissen und unsicheren Karriereperspektiven für den wissenschaftlichen Mittelbau bewähren. Insofern wird hier ein besonderer Fokus auf die Inklusion von Postdocs mit Behinderungen gelegt. Am Ende zeigt sich, dass Dokumentenanalysen zwar einen gewissen Aufschluss über die vorhandenen Rahmenbedingungen geben können, die tatsächliche Ausgestaltung und Praxis eines barrierefreien Studiums aber stark von Haltungen und Handlungen der verantwortlichen Akteure vor Ort abhängen.


Eine informative und produktive Lektüre - sowie Zuversicht und Kraft im kommenden Jahr - wünschen
für das Redaktionsteam
Carmen Dorrance und Clemens Dannenbeck

Veröffentlicht: 2022-12-31
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