3-2021

Liebe Leser*innen von Inklusion-Online,
wir dürfen Ihnen hiermit die 3. Ausgabe von Inklusion-Online in 2021 präsentieren. Corona hat uns nicht nur „immer noch“ im Griff - was sich nun nach fast zwei Jahren Pandemie zunehmend deutlicher abzeichnet, sind auch die mittel- und langfristig wirksamen gesellschaftlichen und sozialen Veränderungen, mit denen die politischen Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie verbunden sind sowie die damit einhergegangenen und einhergehenden Erfahrungen, die Menschen in durchaus unterschiedlicher Weise machen mussten. Die Pandemie hat (nicht nur global gesehen) keineswegs uns alle in gleicher Weise betroffen. Vielmehr hat sie in mancherlei Hinsicht bestehende gesellschaftliche und soziale Friktionen bestätigt und verstärkt und auch neue Gräben der Ungleichheit aufgetan. Aus inklusionspolitischer Sicht müssen wir uns im Zuge dessen nicht nur fragen, in welcher Verfassung sich inklusionsorientierte Entwicklungen seit und inmitten der Pandemie befinden, sondern auch, welche neuen Barrieren für gesellschaftliche Teilhabe möglicherweise entstanden und gerade im Entstehen begriffen sind und wie sich Exklusions- und Marginalisierungsrisiken vor diesem Erfahrungshintergrund verstärken und neu konfigurieren. Insofern eint die Beiträge dieser Ausgabe der Blick auf die Pandemie und deren Konsequenzen.
Anna Lips, Kris-Stephen Besa, Caroline Schmitt und Lea Heyer präsentieren Ergebnisse der zweiten bundeweit durchgeführten quantitativen Studie „Jugend und Corona“ des Forschungsverbundes „Kindheit – Jugend – Familie in Zeiten von Corona“ (Institut für Sozial- und Organisationspädagogik der Stiftung Universität Hildesheim und Institut für Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung der Universität Frankfurt, in Kooperation mit der Universität Bielefeld) zum Wohlbefinden, zur Lebenszufriedenheit und zum Belastungserleben junger Menschen mit Behinderungserfahrung in den Zeiten der Pandemie. Befragt wurden junge Menschen im Alter zwischen 15 und 30 Jahren zu ihren Erfahrungen und Perspektiven während der COVID-19-Pandemie. Dabei gerät das Unterstützungsumfeld von jungen Menschen mit Behinderungserfahrung in den Fokus, dessen Bedeutung sich für deren Belastungserleben als entscheidend erweist. Die Autor*innen des Beitrags stellen heraus, dass dieser Beobachtung nur durch einen diversitätssensiblen und intersektional informierten Zugang zum Pandemieerleben junger Menschen angemessen entsprochen werden kann. Insofern verlangen die empirisch beobachtbaren Pandemieeffekte nur umso unmissverständlicher nach einer Überwindung traditioneller Integrationsperspektiven, die bisher vornehmlich defizitorientiert an Behinderungsformen und Altersgruppen angeknüpft haben. „Je nach Wohnort, Geschlecht, psychischer und physischer Situation, Familienlage oder Aufenthaltsstatus sind junge Menschen unterschiedlich von der Pandemie betroffen und haben differente Bedürfnisse“. Das wiederum erfordert die Entwicklung wertschätzender und partizipativer Strategien gemäß eines gesamtgesellschaftlichen Inklusionsverständnisses, das Wissenschaft, Praxis und Politik einschließt und die Selbstrepräsentanz der Betroffenen sicherstellen und gewährleisten kann.

Marie-Luise Schütt, Sven Degenhardt und Wiebke Gewinn verfolgen in ihrem Beitrag die Bildungssituation von Schüler*innen mit Blindheit und Sehbehinderung während der Corona-Pandemie und ihrer flächendeckenden Einstellung des Präsenzunterrichts im Frühjahr 2020 in Deutschland. Organisatorisch wurde mit Strategien des Distanzunterrichts (Emergency Remote Teaching) reagiert um dem Recht auf Bildung juristisch zu entsprechen, was jedoch mit unterschiedlichen Herausforderungen verbunden war, denen auch auf sehr unterschiedliche Weise entsprochen werden konnte. Der Beitrag thematisiert auf Basis ausgewählter Befunde einer qualitativen Studie die dadurch entstandene Situation für Schüler*innen, mit Sehbeeinträchtigungen. Im Mittelpunkt des Erkenntnisinteresses stand die Frage nach den Zugängen zu überfachlichen/schwerpunktspezifischen Inhalten. Die Befunde bestätigen, dass auch die hier betrachtete Zielgruppe ähnlich die der Schüler*innen mit Beeinträchtigung insgesamt im Distanzlernen einer höheren Gefahr ausgesetzt sind, von Bildungsprozessen ausgeschlossen zu werden. Zu fordern wären Empfehlungen für ein Lernen in Distanz und für anzustrebende digitale, hybride Lehr-Lern-Settings, die Sehbeeinträchtigungen berücksichtigen und die differenzierten Bedarfslagen von Schüler*innen mit Sehbeeinträchtigungen und Blindheit beachten. Ungeachtet dessen resümieren die Autor*innen, dass bislang „Aspekte wie Inklusivität und Diskriminierung, in den Debatten um Teilhabe am digitalen Lernen“ weitgehend unberücksichtigt geblieben sind.

Marlene Kowalski setzt die Diskussion um vielfältige Implikationen des Distanzlernens in ihrem Beitrag fort, indem sie einen Blick auf sich als inklusiv verstehende Grundschulen wirft und dort die Erfahrungen mit und die Einstellungen zum coronabedingt erzwungenen Distanzlernen aus der Perspektive von Schulleitungen analysiert. Dreh- und Angelpunkt sind dabei die unterschiedlichen Ausgangslagen und Randbedingungen, unter denen ‚Homeschooling‘ auch in inklusionsorientierten Schulen organisiert werden musste. Das Augenmerk liegt dabei zugleich auf möglichen Inklusionspotenzialen als auch auf neu entstehenden Exklusionsrisiken. Auf der Basis von narrativen Interviews mit Schulleitungen inklusionsorientierter Grundschulen wird rekonstruiert, wie die geforderten Schulschließungen und die Organisation des Distanzlernens als bildungspolitische Herausforderung wahrgenommen und bearbeitet worden ist. Dabei steht die spannende empirische Frage im Raum, inwieweit eine sich als inklusiv verstehende Schulpraxis sich auf das jeweilige Konzept der Schulkultur auch in häuslichen Kontexten vorteilhaft niedergeschlagen hat, sich also ein inklusiver Anspruch in Zeiten der Pandemie im günstigen Fall in besonderer Weise zu bewähren vermochte. Um dies beurteilen zu können, bedarf es einer Rekonstruktion des schulkulturellen Umgangs mit dem Lernen zuhause. „Die Ergebnisse aus der Rekonstruktion von zwei exemplarischen Fällen deuten darauf hin, dass auch im Distanzlernen Teilhabe ermöglicht werden konnte, aber es dennoch – trotz der Bemühungen von Schulleitung und Lehrkräften – auch zur Marginalisierung von einzelnen Schüler*innen gekommen ist.“
Hendrik Trescher und Peter Nothbaum verfolgen in ihrem Beitrag die institutionalisierten Lebensbedingungen von Menschen mit zugeschriebener geistiger Behinderung in Zeiten von Corona. Mit Blick auf die Situation in Wohnheimen gehen die Autoren davon aus, dass die Pandemie hier brennglasmäßig die Strukturprobleme und systemischen Exklusionseffekte einer Praxis zutage gefördert hat, die jeglichen Bemühen um Inklusion in dieser Hinsicht entgegenwirken. Andererseits sind die erzwungenen Effekte auf die Herausforderungen, die Coronamaßnahmen mit sich gebracht haben, auch eine Chance, institutionelle fest verankerte Routinen in Frage zu stellen und die Entwicklung funktionierender alternativer Praxen quasi zu erzwingen. In dem Beitrag wird anhand der Betrachtung von „Beispielen aus der Lebenspraxis, die im Rahmen der Forschungsstudie „Institutionalisierte Lebensbedingungen in Zeiten von Corona“ an der Philipps-Universität Marburg generiert wurden, dargelegt, inwiefern Corona, Institution und Inklusion zusammenhängen“. Letztendlich fällt das Resümee hinsichtlich des dekonstruktiven Moments, das den erzwungenen Reaktionen in den betrachteten institutionellen Zusammenhängen konzediert wird, seitens der Autoren ambivalent aus. Auszumachen seien sowohl Effekte eines Doing Disability als auch ein Impuls zur Gewährung eines Stücks zugestandener persönlicher Handlungsökonomie. Inwieweit hieraus in einer postpandemisch gedachten Zukunft inklusionsorientierte Deinstitutionalisierungseffekte resultieren werden, muss noch dahingestellt bleiben und ist abhängig von den Diskursverschiebungen, die sich im Zuge der weiteren Entwicklungen noch ergeben werden.
Der Beitrag von Katharina Walgenbach steht auf den ersten Blick nicht im Zeichen der Herausforderungen, die Corona mit sich gebracht haben. Wenn Sie jedoch einen digitalen Abelismus als Analysebegriff in die Diskussion einführt, ist unschwer die Brisanz und Aktualität dieser Thematik in einer Zeit zu erkennen, die durch (in vielen gesellschaftlichen Bereichen umständehalber erzwungene, so doch gleichwohl überfällige) Digitalisierungsschübe – so jedenfalls eine politisch, medial und öffentlich weitgehend unhinterfragt immer wieder reproduzierte Ausgangsposition – gekennzeichnet ist, ohne das diese Diagnose in jedem Fall theoretisch fundiert und begründet wäre. Vor dem Hintergrund der Abelismus-Debatten im Kontext der Disability Studies legt die Autorin in ihrem Beitrag den Fokus auf ableistische Fähigkeits-, Leistungs- und Normalitätserwartungen im Feld des Digitalen, am Beispiel der digitalen Hochschulbildung. Es geht um abeleistische Bildungspraxen im Digitalen und die im Zuge von Digitalisierungsprozessen sich größtenteils unreflektiert durchsetzenden kulturellen Neueinschreibungen von Normalitäten mit ihren spezifischen Mustern an anerkannten Fähigkeitsnormen und -idealen. Insofern erweisen sich am Beispiel der Hochschule Digitalisierungsprozesse als höchst ambivalent, was ihr emanzipatorisches Potenzial auf der einen Seite und ihre abeleistische Struktur auf der anderen Seite bestimmt.
Eine anregende und interessante Lektüre wünschen
für das Redaktionsteam
Carmen Dorrance und Clemens Dannenbeck

Veröffentlicht: 2021-12-12