Katharina Silter, Johanna Hilkenmeier, Iris Beck, Nicole Franke & Ingolf Prosetzky:Wahrgenommene Belastungen und Ressourcen von Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen während des ersten COVID-19-bedingten Lockdowns in Deutschland – erste Ergebnisse einer internationalen Befragung

Abstract: Schwerpunkt dieses Beitrags ist die Untersuchung individueller Erfahrungen, die nach dem ersten pandemiebedingten Lockdown im Jahr 2020 von insgesamt 129 Personen mit und ohne Beeinträchtigungen beschrieben wurden. Das Daten-, bzw. Textmaterial wurde mittels einer qualitativen Inhaltsanalyse und einem induktiven Ansatz ausgewertet. Identifiziert werden konnten die vier Themenbereiche (1) Einschränkungen, Belastung, Unsicherheit, Sorge; (2) Neubewertung und Ressourcen; (3) Wegfall von alltäglichen Stressoren, Entschleunigung und (4) Unzufriedenheit mit politischen Entscheidungen, Umgang mit anderen Denk- und Handlungsweisen. Dabei erwiesen sich bestimmte Aspekte wie Gesundheitsversorgung, körperliche Unversehrtheit oder fehlendes Kontrollerleben als besonders relevant für Personen mit Beeinträchtigungen oder Unterstützungsbedarf. Die Ergebnisse dieser Teilstudie bestätigen und ergänzen bisherige Forschungsbefunde zu pandemiebedingten Herausforderungen und Ressourcen.

Stichworte: Corona-Pandemie, Covid-19, Teilhabe, Behinderung, Benachteiligung, Belastungen, Ressourcen

Inhaltsverzeichnis

  1. Einleitung
  2. Methodisches Design der Teilstudie
  3. Ergebnisse
  4. Diskussion
  5. Fazit
  6. Literatur

 

1. Einleitung

Die mit dem Ausbruch der Covid-19 Pandemie verordneten Einschränkungen und Maßnahmen in bis dahin ungekanntem Ausmaß hatten während des ersten Lockdowns (März bis Mai 2020) weitreichende Auswirkungen auf die Lebenswirklichkeit aller Menschen. Diese Einschnitte weisen Merkmale kollektiver kritischer Lebensereignisse auf, „die große Teile der Bevölkerung betreffen und deren Folgen auf der Ebene des Individuums ebenso nachzuzeichnen sind wie auf der Ebene struktureller Veränderungen“ (Filipp & Aymanns, 2018, S. 51).
Viele Menschen waren aufgrund der Beschränkungen höheren Belastungen in ihrem Alltag ausgesetzt (Finlay, Kler, O’Shea et al., 2021, Gasteiger, Vedhara, Massey et al., 2021, Gignac, Shahidi, Jetha et al., 2021, Kunzler, Röthke, Günther et al., 2021, Park, Russell, Fendrich et al., 2020). Insbesondere der Wegfall tagesstrukturierender Routinen und alltäglicher Aktivitäten stellte eine große Umstellung dar und erforderte individuelle Anpassungsleistungen (Gloster, Lamnisos, Lubenko et al., 2020, Levkovich & Shinan-Altman, 2021). Dass die Pandemie auf der individuellen Ebene Stress auslösen, zu erlebtem Kontrollverlust, Angst und Depression führte und weiterhin führen kann, zeigen Untersuchungen bereits auf (Kira, Shuwiekh, Rice et al., 2021, Park et al., 2020, Gloster et al., 2020, Levkovich & Shinan-Altman, 2021). Psychische Belastung manifestierte sich dabei in unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen (Gasteiger et al., 2021, Gignac et al., 2021, Lebrasseur et al., 2021a, 2021b, Kunzler et al., 2021). Gleichzeitig weisen Untersuchungen auch darauf hin, dass Menschen die Veränderungen und Beschränkungen durch die pandemiebedingten Maßnahmen bewältigen können (Gloster et al., 2020; Kunzler et al., 2021, Lebrasseur et al., 2021b) und dabei auf unterschiedliche Mittel und Wege zurückgreifen, von der Änderung von Routinen oder dem verstärkten Einbezug sozialer Unterstützung bis hin zur Leugnung der Situation (Finlay et al., 2021, Park et al., 2020, Umucu & Lee, 2020). Zudem zeigen einige Studien neben den negativen Effekten der Lockdown-Maßnahmen auch, zumindest für einen kleinen Teil der Bevölkerung, positive Effekte wie den Wegfall stressbehafteter Situationen, eine Entschleunigung des Alltags, die Verbesserung enger Kontakte zum Beispiel innerhalb der Familie und mehr Zeit für die persönliche Erholung (Bolz & Van Nek, 2021, Kunzler et al., 2021).
Solche „epochalnormierten Lebensereignisse“ (Filipp & Aymanns, 2018, S. 52) treffen einerseits alle Menschen; „aber die Folgen dieser Ereignisse [fallen] für einzelne Bevölkerungsgruppen unterschiedlich aus“ (ebd.). Einige Personengruppen waren oder sind durch die pandemiebedingten Einschränkungen in besonderem Maße betroffen. So sind insbesondere Kinder (z. B. Ravens-Sieberer, Kaman, Erhart et al. 2021), ältere Menschen (Finlay et al., 2021, Kobayashi, O’Shea, Kler et al. 2020, Lebrasseur et al., 2021b, Steptoe & DiGessa, 2021), Menschen mit niedrigem sozio-ökonomischen Status (z. B. Perry, Aronson & Pescosolido, 2021) und Menschen mit Beeinträchtigung (Boehle, Buschmann-Steinhage, Schmidt-Ohlemann et al., 2021, Gignac et al., 2021, Jumrenornvong, Tabacof, Cortes et al., 2020, Meyer & Posthumus, 2020, Mladenov & Brennan, 2021, Negrini, Grabljevic, Boldrini et al., 2020) von den Folgen der Pandemie betroffen. Im Sinne von Risikofaktoren ist davon auszugehen, dass Personen mit weniger sozialen und finanziellen Ressourcen, aber auch Personen mit gesundheitlichen Vorbelastungen, körperlichen oder psychischen Beeinträchtigungen und einem eingeschränkten Autonomie- und Kompetenzerleben eher von den negativen Auswirkungen betroffen und in der Folge größeren Belastungen ausgesetzt sind (Bentzen, Brurok, Roeleveld et al., 2021, Gasteiger et al., 2021, Gignac et al., 2021, Gloster et al., 2020, Kunzler et al., 2021, Lund et al., 2020).
Die Zuordnung von Menschen mit Beeinträchtigung zur Gruppe der vulnerablen Personengruppen in Bezug auf einen schweren Verlauf im Fall einer Coronavirus-Infektion zu Pandemiebeginn (z. B. Kamalakannan, Bhattacharjya, Bogdanova et al., 2021) bedeutete, dass spezielle Schutzmaßnahmen ergriffen wurden, die zu vergleichsweise höheren Einschränkungen führten als bei anderen Bevölkerungsgruppen, wie z. B. durch Besuchsbeschränkungen in Wohneinrichtungen, einen erschwerten Zugang zu Unterstützungs- und Gesundheitsdienstleistungen und starke Beschränkungen sozialer Kontakte (Gignac et al., 2021, Lebrasseur et al., 2021a, Negrini et al., 2020). So beschrieben Menschen mit Beeinträchtigung und ihre Familien soziale Isolation, Veränderungen der Arbeitsplatzsituation bis hin zum Arbeitsplatzverlust, vermehrte Übernahme von Pflegeleistungen durch Angehörige und den Wegfall teilhabebezogener Angebote. Daraus ergaben sich vielfältige Herausforderungen und Belastungen für Menschen mit Beeinträchtigung und ihre Angehörigen (Boehle, et al., 2021, Bolz & Van Nek, 2021, Habermann-Horstmeier, 2020, Lund, Forber-Pratt, Wilson & Mona, 2020, Meyer & Posthumus, 2020).
Der vorliegende Beitrag ist im Rahmen eines Teilprojekts („Unterschiede im Erleben der COVID-19-Pandemie zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen“ unter der Leitung von Dr. Katharina Silter und Prof. Dr. Iris Beck) einer internationalen, querschnittlich angelegten Befragung von insgesamt 2028 Menschen mit und ohne Beeinträchtigung, Unterstützungsbedarf und/oder chronischer Erkrankung aus 20 Ländern in Nord-Amerika, Europa und Asien entstanden (Project Directors: Marisa H. Fisher and Connie Sung, Title: Impact of COVID-19 on adults with and without disabilities; Verantwortlicher der deutschen Übersetzung der internationalen Befragung: Ingolf Prosetzky), (z. B. Fisher, Sung, Kammes, Okyere & Park, 2022). Die Teilnehmenden wurden dabei während des ersten Lockdowns im Zeitraum zwischen März bis Mai 2020 online befragt zum Einfluss der Pandemie-Beschränkungen auf das psychosoziale Erleben, konkret den wahrgenommenen Stress, die wahrgenommene soziale Unterstützung und Lebensqualität. Bisherige Analysen zeigen, dass sich für die Gruppe der befragten Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigungen oder Entwicklungsstörung (n=181) ein negativer Zusammenhang zwischen wahrgenommenem Stress und Lebenszufriedenheit ergibt. Es konnte zudem gezeigt werden, dass dieser Zusammenhang durch die wahrgenommene soziale Unterstützung partiell mediiert oder abgepuffert wird (Fisher et al., 2022).
In einer weiteren Teilstudie im Projekt konnte außerdem der Einfluss der Pandemie auf die Erwerbstätigkeit von Menschen mit und ohne Beeinträchtigung in den Blick genommen werden. 1380 Personen waren laut Selbstauskunft vor Pandemiebeginn erwerbstätig, hiervon gaben 318 Personen Auskunft darüber eine Beeinträchtigung, chronische Erkrankung oder Unterstützungsbedarf zu haben. Diese Teilstichprobe gab signifikant häufiger an, eine negative Veränderung in der Erwerbstätigkeit durch die Pandemie zu erleben als Menschen ohne Beeinträchtigung und berichtete häufiger von einer geringeren Lebenszufriedenheit (Park, Sung, Fisher, Okyere & Kammes, 2022).
In dem vorliegenden Beitrag wird angeknüpft an die bisherigen Befunde zu Risiko- und Schutzfaktoren, insbesondere an die Bedeutsamkeit sozialer Unterstützung für ein verringertes Stresserleben und damit einhergehend eine höhere Lebenszufriedenheit bei Menschen mit Beeinträchtigungen, chronischen Erkrankungen und Unterstützungsbedarf.
Mittels der Datenanalyse der deutschsprachigen Teilstichprobe aus dem oben beschriebenen internationalen Projekt wird der Fokus auf subjektiv erlebte Belastungen, Bewertungen und Ressourcen von Menschen mit und ohne Beeinträchtigung während des ersten Lockdowns von März bis Mai 2020 in Deutschland gelegt.
Methodisch wurde ein qualitativer Ansatz gewählt, um in explorativer Weise die Art und Vielzahl erlebter Belastungen und Ressourcen der Befragten aus dem deutschen Sprachraum herausarbeiten. Der Einbezug von Menschen mit und ohne Beeinträchtigung ermöglicht darüber hinaus einen Vergleich im subjektiven Erleben der Auswirkungen der Maßnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung des Virus und kann so Hinweise darauf geben, ob Menschen mit Beeinträchtigungen im Vergleich zu anderen Gruppen mit speziellen Herausforderungen konfrontiert wurden.

2. Methodisches Design der Teilstudie

Aus dem international gewonnenen Datensatz von insgesamt 2028 Personen wurden Daten der deutschsprachigen Teilstichprobe mittels eines qualitativen Ansatzes analysiert. Die internationale Gesamtbefragung beinhaltete, wie oben beschrieben, quantitative Daten zu demographischen Bedingungen, Stresserleben, Lebenszufriedenheit und sozialer Unterstützung.
In einem abschließenden Teil des Onlinefragebogens wurden die Befragten in einem offenen Antwortformat nach weiteren Anmerkungen gefragt („Gibt es noch etwas, dass Sie in Bezug auf Ihre Erfahrungen mit der Covid-19 Pandemie mitteilen möchten?“). Die Auswertung dieser letzten Frage bildet die Grundlage für die Analyse dieser Teilstudie.

2.1 Stichprobe

In Deutschland nahmen insgesamt 542 Personen an der Onlinebefragung teil. Die Stichprobe war im Durchschnitt 42,9 Jahre alt (SD = 13.9; Min. = 18; Max. = 80). 21 Prozent der Personen gab als Geschlecht männlich an, 46 Prozent weiblich, zwei Prozent divers und 31 Prozent machten keine Angaben zum Geschlecht. Von den 542 Personen gaben 38 Prozent an, eine oder mehrere Beeinträchtigungen, eine oder mehrere chronische Erkrankungen und/oder einen Unterstützungsbedarf zu haben, 33 Prozent gaben an, keine Beeinträchtigung, Erkrankung oder Unterstützungsbedarf zu haben und 28 Prozent kreuzten hier nichts an.
129 der 542 befragten Personen aus der deutschen Stichprobe machten bei der letzten Frage im offenen Antwortformat Angaben zum subjektiven Erleben des Pandemie-Alltags im Befragungszeitraum zu Beginn des ersten Lockdowns. Von den 129 Personen gaben wiederum 81 Personen (62,8%) an, eine oder mehrere Beeinträchtigungen, eine oder mehrere chronische Erkrankungen und/oder einen Unterstützungsbedarf zu haben. 48 Personen hatten laut Selbstauskunft keine Beeinträchtigung, chronische Erkrankung und/oder einen damit verbundenen Unterstützungsbedarf. Die befragten Personen, welche die letzte Frage beantworteten, waren im Schnitt 46 Jahre alt (SD = 14.43; Min.= 18; Max.= 80). 31 Prozent der Personen gab das männliche Geschlecht an, 68 Prozent das weibliche. Die Mehrzahl der Befragten, welche die letzte Frage beantworteten, lebt mit ein bis zwei Personen in einem Haushalt (54%). 21 Prozent der Befragten gab dabei an, mit minderjährigen Personen zusammen zu leben, 15 Prozent lebten mit Personen im Alter über 65 Jahre. 63 Prozent der 129 Befragten gab an, erwerbstätig zu sein, 35 Prozent hingegen nicht.

2.2 Fragestellung und Auswertung

In der vorliegenden Teilstudie wurden die Antworten der letzten Frage offenen Antwortformats in einem explorativen, qualitativen Ansatz ausgewertet. Die Auswertung dieser hat das Ziel, einen tieferen Einblick zu gewinnen in das subjektive Belastungserleben und in individuelle Bewertungen in der Krisensituation. Es soll zudem exploriert werden, inwieweit Menschen mit Beeinträchtigung oder Unterstützungsbedarf zu Pandemiebeginn den Lebensalltag und damit verbundene Einschränkungen anders erlebten als Menschen ohne Beeinträchtigung oder Unterstützungsbedarf.
Zur Auswertung wurde das Programm MAXQDA 2020 genutzt. Das Datenmaterial der 129 Antworten wurde mittels einer zusammenfassenden Inhaltsanalyse und induktiver Kategorienbildung ausgewertet (Mayring, 2015). Die Zusammenfassung, Verdichtung und Strukturierung des Datenmaterials diente der Entwicklung eines gemeinsamen Code-Systems. In drei aufeinanderfolgenden Durchgängen wurde das Kategoriensystem erstellt und überarbeitet, so dass eine Intercoder-Übereinstimmung von 89.8 Prozent (Cohens κ = 0.90) erreicht wurde. Bei Werten von Cohens κ größer als 0.8 kann von einer sehr guten Intercoder-Übereinstimmung gesprochen werden (Kuckartz, 2016).

3. Ergebnisse

Zur Einordnung des Materials ist der Erhebungszeitraum wichtig: die Wahrnehmungen der Befragten beziehen sich auf die Zeit zwischen März und Mai 2020 zu Beginn des ersten Lockdowns. Sie berichteten zu diesem Zeitpunkt zum einen von Einschränkungen im Corona-Alltag und damit verbunden von Belastung, Unsicherheit und Sorge. Zum anderen finden sich im Datenmaterial Hinweise darauf, dass es auch zur Neubewertung der Krisensituation und von Ressourcen mit positiven Effekten für das individuelle Wohlbefinden kommt. So wird von einzelnen Befragten ein Wegfall von stressbehafteten Situationen und Beziehungen wahrgenommen und schließlich werden auch gesellschaftliche und politische Themen von den Befragten aufgegriffen und subjektiv eingeordnet.
Im Folgenden werden die herausgearbeiteten Themenbereiche näher beschrieben. Zunächst erfolgt jeweils die Ergebnisbeschreibung für die Gesamtstichprobe, anschließend wird auf Teilergebnisse für die Gruppe der Menschen mit Beeinträchtigung als vulnerable Personengruppe eingegangen.

3.1 Einschränkungen, Belastung, Unsicherheit, Sorge

Es berichteten insgesamt 51 der 129 Personen von Einschränkungen und Barrieren im Corona-Alltag während des ersten Lockdowns, am häufigsten von eingeschränkten Sozialkontakten sowie von einer erschwerten Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit. Ein Teil der Eltern war, den Antworten der Befragung folgend, davon überfordert, mehrere Rollen über einen ungewiss langen Zeitraum erfüllen zu müssen („Eltern als Ersatzlehrer“; Fall 67, Pos. 2) und mehrere Verantwortungsbereiche mit geringer oder fehlender Unterstützung abdecken zu müssen. Die Einschränkung direkter, persönlicher Kontakte wurde von dem Großteil der Befragten, die dazu eine Aussage getroffen haben, als subjektiv belastend empfunden, z. B. als unerträglich, als „Grenzerfahrung mit Isolation von Familien und Freunden“ (Fall 67, Pos. 3).
Auch in Bezug auf die Freizeitgestaltung wurden Einschränkungen benannt, hierbei ging es insbesondere um begrenzte Bewegungsmöglichkeiten sowie um den fehlenden Austausch im Rahmen von Hobbies/Treffen mit Gleichgesinnten. Des Weiteren wurden Barrieren beim Zugang zur Gesundheitsversorgung berichtet sowie in Einzelfällen von veränderten Arbeitsbedingungen und -anforderungen, finanziellen Einschränkungen, Barrieren bei der Einkaufs- und Alltagsversorgung und Barrieren in den Bereichen Schule und Studium.
Einschränkungen im Bereich der Gesundheitsversorgung, der teilhabebezogenen Unterstützungsangebote, sowie eine Einschränkung durch das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes wurden ausschließlich von Personen benannt, die angaben, eine Beeinträchtigung oder einen Unterstützungsbedarf zu haben.
Dem gegenüber wurden Einschränkungen bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und Einschränkungen in sozialen Kontakten vermehrt von Personen benannt, die angaben, keine Beeinträchtigung oder keinen Unterstützungsbedarf zu haben.
Die hier beschriebenen Barrieren wurden überwiegend als subjektiv belastend erlebt („Das ist eine große bis fast (nicht) zu bewältigende Herausforderung“, Fall 21, Pos. 2; „(…) ist sehr schlimm für mich“, Fall 77, Pos.2; „extrem belastend“, Fall 1, Pos. 2; „war der größte Stresspunkt für mich persönlich“, Fall 97, Pos. 1). Dabei zeigt sich, dass die wahrgenommenen Belastungen stark mit Gefühlen der Unsicherheit und der fehlenden Kontrolle verbunden sind. Das fehlende Kontrollerleben bezieht sich dabei einerseits auf Fragen der Zukunft („Es gibt so vieles, das ich nicht verstehe und ich weiß nicht, wann und wie es besser geht“, Fall 124, Pos. 1) und andererseits auf die Verrichtung von Aktivitäten im Alltag („Ich möchte, dass ich alles wieder machen kann“, Fall 41, Pos.1). Ein fehlendes Kontrollerleben wurde im Vergleich häufiger von Personen berichtet, die angaben, eine Beeinträchtigung oder einen Unterstützungsbedarf zu haben (11 von 15 Personen).
Einschränkungen, subjektive Belastung und erlebte Unsicherheit wurden ergänzt von der Sorge um sich und um andere Menschen. Die Sorge um sich und andere bezog sich zum einen auf die körperliche Unversehrtheit („Es ängstigt mich etwas, dass meine Pflegepersonen ständig wechseln [neues Personal von Zeitarbeitsfirmen, die vorher in "Hotspots" wie Altersheimen oder Krankenhäusern tätig waren] und ich mich zudem nicht so isolieren kann, wie ich gerne würde“, Fall 37, Pos. 1-2).
13 Befragte sorgten sich angesichts der pandemiebedingten Einschränkungen und Schutzmaßnahmen um die finanzielle Zukunft anderer Menschen im familiären und außerfamiliären Umfeld mit Blick auf einen möglichen oder drohenden Verlust der Erwerbstätigkeit, fehlende finanzielle Unterstützung für Institutionen für Menschen mit Beeinträchtigung oder relative Armut in bestimmten Berufsbranchen.

3.2 Neubewertung und Ressourcen

In den Antworten der befragten Personen wurden teilweise Aussagen zu einem möglichen Umgang (im Denken und Verhalten) mit der pandemischen Situation im ersten Lockdown gemacht. Diese Aussagen geben Hinweise darauf, wie die Befragten die neue Situation bewerteten. Zudem finden sich in den Aussagen Hinweise darauf, welche individuellen Ressourcen die Befragten in die Bewertung der Situation mit einbezogen.
Es wurde von einigen Befragten davon berichtet, dass die pandemische Situation zu einer positiven Neu- oder Umbewertung der eigenen Lebenssituation führen kann oder geführt hat. Auch wurde von einem Umdenken im Sinne einer Bewusstheit für die eigene, als privilegiert wahrgenommene, Lebenslage berichtet, dies im Sinne der eigenen „luxuriösen Lage“ (Fall 97, Pos. 2) im Vergleich zu Menschen in existentiellen Notlagen. Sowohl eine Neu- oder Umbewertung (6 von 7 Personen) als auch die Bewusstmachung der eigenen, als privilegiert wahrgenommen Lebenslage (5 von 7 Personen) wurden größtenteils von Personen benannt, die angaben, keine Beeinträchtigung oder keinen Unterstützungsbedarf zu haben.
Verbunden mit einer Neubewertung kam es auch zu Forderungen, sich weiterer gesellschaftlicher Problemlagen (z.B. Klimaschutz) bewusst zu werden. Schließlich wurde ein Umgang im Sinne von positiven Gedanken erkennbar, anhand derer sich Personen durch bestimmte Sätze wie „mit Ruhe, Weitsicht und klaren Regeln lassen sich alle Probleme lösen“ (Fall 7, Pos. 1) emotional regulierten.
Hinsichtlich wahrgenommener Ressourcen trafen 9 Personen positiv konnotierte Aussagen über die Rücksichtnahme anderer Menschen in ihrem familiären oder außerfamiliären Umfeld, über erwartete bzw. erhaltene soziale Unterstützung in Form von emotionalem Rückhalt und instrumentell-materiellen Hilfeleistungen oder über den gesellschaftlichen Zusammenhalt. All diese Nennungen können als Schutzfaktoren für die psychische und physische Gesundheit zur individuellen Bewältigung von als subjektiv belastend empfundenen Situationen eingeordnet werden. Einige Befragte beschrieben beispielsweise, wie sehr sie der anfängliche gesellschaftliche Zusammenhalt berührt hat oder dass sie das Gefühl hatten, trotz des physischen Abstandsgebots näher mit Freund:innen und Nachbar:innen zusammengerückt zu sein.

3.3 Wegfall von alltäglichen Stressoren, Entschleunigung

Die im ersten Lockdown politisch entschiedenen Schutz- und Eindämmungsmaßnahmen wurden von den befragten Personen nicht ausschließlich als einschränkend und subjektiv belastend erlebt, sondern bezogen sich auf einen wahrgenommenen Wegfall von Stressoren. 13 Personen erlebten laut Selbstauskunft eine Entlastung bzw. eine Verbesserung der individuellen Situation in Zusammenhang mit den Folgen der pandemiebedingten Schutzmaßnahmen: „Die Auswirkungen von Covid-19 haben dazu geführt, dass mein Leben stressfreier ist und es mir persönlich besser geht“ (Fall 15, Pos. 2). So wurde beispielsweise von einer Entspannung bezüglich der Erwerbstätigkeit berichtet. Dabei wurde von mehr beruflichen Freiheiten berichtet durch die Arbeit im Homeoffice, von einem geringeren Arbeitspensum oder einem kompletten Wegfall von arbeitsbezogenen Aufgaben: „Ich habe (noch) mehr Freiheiten als vorher – besonders wenn es um das Arbeitsumfeld geht (dieses war zeitweilen unerträglich für mich und ist im Homeoffice viel besser)“, Fall 112, Pos. 1-2). Des Weiteren wurde der Wegfall stressbehafteter oder als unangenehm erlebter sozialer Kontakte als angenehm beschrieben: „Für Autisten ist es sehr entspannend nicht ständig Leute zu treffen...“ (Fall 23, Pos. 1). Auch wurde von einer Entschleunigung durch den Wegfall von Terminen im Alltag berichtet: „Ich habe bemerkt, dass ich in einem Zustand der Dauerüberlastung lebte, als mein Terminkalender leer war, nachdem alle Veranstaltungen abgesagt waren“ (Fall 111, Pos. 1).

3.4 Unzufriedenheit mit politischen Entscheidungen, Umgang mit anderen Denk- und Handlungsweisen

Ein weiterer Themenbereich bezieht sich auf die Bewertung der konkreten Maßnahmen, die auf politischer und individueller Ebene wirksam wurden. Hier wurde teilweise Unzufriedenheit deutlich, wobei die eigene Lebenssituation vor dem Hintergrund der Folgen politisch beschlossener Maßnahmen reflektiert wurde. Darüber hinaus entstand Unzufriedenheit auch aus der Wahrnehmung heraus, dass Personen die Gefahr durch Covid-19 unterschiedlich bewerteten und sich daraus unterschiedliche Denk- und Handlungsweisen ergaben, die teilweise zu Konflikten innerhalb von Gruppen oder auch der Gesellschaft insgesamt führen könnten.
Vergleichsweise viele Nennungen (26) bezogen sich auf die Unzufriedenheit mit politischen Schutzmaßnahmen. Der Unmut richtete sich auf verschiedene Aspekte wie die Geschwindigkeit von Entscheidungen, aber auch die Widersprüchlichkeit oder Zielrichtung von Schutzmaßnahmen und teilweise damit einhergehendem Vertrauensverlust: „Ich habe das Vertrauen in die Politik völlig verloren“ (Fall 100, Pos. 1). Es zeigte sich, dass Aussagen zu fehlendem Kontrollerleben teilweise im Zusammenhang mit Aussagen zur Unsicherheit bzw. Unzufriedenheit mit politischen Entscheidungen bezüglich verschiedener Schutzmaßnahmen standen. Das deutet darauf hin, dass sich einige Menschen angesichts der getroffenen politischen Entscheidungen nicht berücksichtigt fühlten und der Verlust von Kontrolle über eigene Lebensbereiche zu Unzufriedenheit führen konnte („Ich fühle mich nicht wie ein mündiger Bürger behandelt!“, Fall 102, Pos. 3). Schließlich wurden vereinzelt Forderungen insbesondere an politische Entscheidungsträger:innen benannt bezüglich verbesserter Schutzmaßnahmen und zukünftiger Prävention sowie einer verbesserten bzw. transparenteren Bereitstellung von Informationen zur Pandemie.
Neben der Unzufriedenheit mit Entscheidungen von politischen Entscheidungsträger:innen wurde zudem eine Auseinandersetzung bzw. Unzufriedenheit mit Denk- und Handlungsweisen anderer Menschen deutlich. Konkret bezog sich der benannte Unmut auf Egoismus und fehlende Rücksichtnahme anderer sowie auf Personen, die die pandemische Situation als nicht bedrohlich und/oder als übertrieben wahrnahmen und somit auch teilweise andere Personen gefährdeten. Einzelne Nennungen bezogen sich dabei konkret auf die Sorge um eine körperliche Gefährdung durch Denk- und Handlungsweisen anderer, z. B.: „Es gibt zu viele Menschen, die egoistisch handeln. Die zum Beispiel keine Masken tragen und überhaupt tun und lassen möchten, was sie wollen. Was dadurch anderen Menschen passieren könnte, ist ihnen offenbar egal“ (Fall 98, Pos. 1–2). Die Unzufriedenheit mit Denk- und Verhaltensmustern anderer wurde vergleichsweise häufiger benannt von Menschen, die angaben, eine Beeinträchtigung oder einen Unterstützungsbedarf zu haben (13 von 17 Personen).
Schließlich wurde die Sorge bzw. ein Unmut beschrieben, dass vulnerable Personengruppen während der Pandemie vergessen wurden („…es ist auch so, dass das Thema Inklusion viel zu kurz kommt in der Krise es ist auch so, dass man über jede Menge redet, aber die Menschen mit Behinderung vergisst man bei dieser ganzen Öffnungssache“, Fall 62, Pos. 1–2). Diese Sorge wurde vergleichsweise häufiger von Personen benannt, die angaben, eine Beeinträchtigung oder einen Unterstützungsbedarf zu haben (7 von 8 Personen).

4. Diskussion

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass es in der pandemischen Situation bei Menschen sowohl mit als auch ohne Beeinträchtigung um zentrale Fragen und Einschränkungen der Lebensführung geht, in sozialer, finanzieller, körperlicher und psychischer Hinsicht. Menschen sorgen sich um sich selbst und um andere Menschen in ihrem familiären, aber auch im außerfamiliären Umfeld, die existenzielle Not anderer (bekannter und unbekannter) Menschen wird in der Pandemie deutlich. Befragte besinnen sich außerdem mehr auf „wesentliche Dinge des Lebens“ (Fall 38, Pos. 2) wie Familie und Gesundheit und werden sich zum Teil ihrer eigenen, als privilegiert wahrgenommenen, Lebenslage im sozialen Vergleich mit anderen Menschen bewusst. Sie setzen sich verstärkt mit Denk- und Handlungsweisen anderer Menschen (aus dem nahen und gesellschaftlichen Umfeld) auseinander, die den eigenen Denk- und Handlungsweisen entgegenstehen. Kontroversen werden als anstrengend beschrieben und fremdgefährdende, rücksichtslose und egoistische Verhaltensweisen als belastend wahrgenommen.
Die hier beschriebenen wahrgenommenen Belastungen stehen im Einklang mit vielen Merkmalen kritischer, kollektiver und individueller Lebensereignisse (vgl. Filipp & Aymanns, 2018). So wurden manche Menschen „aus ihrem Alltag gerissen“ (Filipp & Aymanns, 2018, S. 58), es wurden Verluste erlebt (geliebte Personen, Verlust von sozialen Kontakten oder des Arbeitsplatzes), es bestand teilweise ein Gefühl der mangelnden Kontrollierbarkeit und Vorhersehbarkeit, es ergaben sich objektive, aber auch subjektiv wahrgenommene Einschränkungen der eigenen Handlungsspielräume, dies auch in individuell als wichtig bewerteten Lebensbereichen. Teilweise erlebten Personen traumatisierende Verluste, aber auch eine über einen langen Zeitraum anhaltende Auseinandersetzung mit Stressoren, auch kleineren Alltagswidrigkeiten, die sich schließlich zu einer als groß wahrgenommenen Belastung aufsummieren können (vgl. Filipp & Aymanns, 2018, S. 40).
Ob Ereignisse schließlich als ‚kritisch‘ eingestuft werden, hängt dabei weniger von beobachtbaren Ereignissen ab. Vielmehr entsteht eine als krisenhaft bewertete Situation durch ein Zusammenspiel vorfindbarer Vulnerabilitäten und Ressourcen (z. B. soziale Eingebundenheit und Kontrollerleben). Je mehr Ressourcenbereiche dabei eingeschränkt sind, desto stärker kann die wahrgenommene Belastung ausfallen (vgl. Filipp & Aymanns, 2018, S. 42; Lazarus, 2001). Mit Blick auf ein kollektives kritisches Lebensereignis wird deutlich, dass bestimmte Personengruppen aufgrund bestehender oder fehlender Ressourcen und Vulnerabilitäten das Ereignis unterschiedlich bewerten und somit als unterschiedlich belastend wahrnehmen.
Betrachtet man die Ergebnisse dieser Teilstudie im Zusammenhang mit der Gesamtbefragung, so lässt sich zeigen, dass ein Großteil der befragten Menschen mit Behinderungen (92,8%) mindestens leichte negative Auswirkungen der Covid-19 Pandemie und der damit verbundenen Maßnahmen auf ihr Leben angeben. In der Gesamtstudie wurden Daten zu Stresserleben (Perceived Stress Scale, Cohen et al., 1983), Lebenszufriedenheit (Satisfaction with Life Scale, Diener et al., 1985) und Sozialer Unterstützung (Multidimensional Scale of Perceived Social Support, Zimet et al., 1988) abgefragt. Fisher et al. (2022) konnten für die Gruppe von Menschen mit Beeinträchtigungen und chronischen Erkrankungen im ersten Lockdown zeigen, dass soziale Unterstützung, im Sinne eines Schutzfaktors, Belastung abpuffert und die Lebenszufriedenheit damit sichern kann. Berücksichtigt man, dass soziale Unterstützung als Schutzfaktor protektiv in Stresssituationen und Krisen fungiert, folgt aus ihrem Mangel ein höheres Risiko für weitere psychische und physische Beeinträchtigungen (Szkody, Stearns, Stanhope et al., 2020). Boehle et al. (2021) berichten ebenso von pandemiebedingten Einschränkungen im Bereich zwischenmenschlicher Beziehungen und betonen dabei auch die bereits vor Pandemiebeginn oftmals fragilen sozialen Netzwerke von Menschen mit Beeinträchtigungen.
Menschen mit Beeinträchtigungen gaben in der Befragung im Vergleich seltener Einschränkungen in den sozialen Kontakten (4 von 13 Personen) an. Dies deutet nicht unbedingt auf ein geringeres Bedürfnis nach direktem, persönlichem Austausch und sozialen Kontakten hin. Möglicherweise ließe sich dieses Ergebnis dahingehend interpretieren, dass eventuell bereits vor der Pandemie Einschränkungen in den sozialen Kontakten bestanden, ein potenzieller Mangel also möglicherweise nicht mehr als pandemiebedingt wahrgenommen wurde (Dalise, Tramonti, Armienti et al., 2020). So lebten Menschen mit Beeinträchtigungen bereits vor Pandemiebeginn häufiger alleine, gaben weniger enge Freundschaften an, lebten seltener in einer Paarbeziehung und hatten seltener Kind/-er, fühlten sich einsamer und gaben eine als geringer wahrgenommene soziale Unterstützung an als Menschen ohne Beeinträchtigung (BMAS, 2021).
Ein erhöhter Anteil der Befragten mit Beeinträchtigung oder Unterstützungsbedarf (11 von 15 Personen) brachte ein Gefühl der Unsicherheit und fehlenden Kontrolle zum Ausdruck. Dieser Befund knüpft an Ergebnisse von Boehle et al. (2021) an, welche von Entmächtigung, Einschränkungen in Grund- und Freiheitsrechten und einem Verlust von Selbstbestimmung bei Menschen mit Beeinträchtigung sprechen. Ein erhöhtes Gefühl fehlender Kontrolle oder Selbstbestimmung, gar der Fremdbestimmung, welches Menschen mit Beeinträchtigung nach dem aktuellen Teilhabebericht (BMAS, 2021, S. 368) bereits vor Pandemiebeginn berichten, tritt durch die zusätzlichen Einschränkungen in der Pandemie möglicherweise deutlicher zum Vorschein. Unklar bleibt, welche Bedingungen in der Pandemiesituation konkret im Zusammenhang mit fehlendem Kontrollerleben stehen.
Die in dieser Studie identifizierten Einschränkungen und Aspekte, die häufig von Befragten mit Beeinträchtigung oder Unterstützungsbedarf benannt werden, lassen sich vor dem Hintergrund anderer, jüngster Befunde aus dem deutschen Sprachraum einordnen (z.B. Boehle et al., 2021, Bolz & Van Nek, 2021, Meyer & Posthumus, 2020). So werden Belastungen oder Einschränkungen in den Bereichen Teilhabe, medizinische Versorgung, Freizeitgestaltung, Alltagsversorgung, soziale Kontakte und allgemein Kontrollerleben benannt. Des Weiteren deutet der erhöhte Teil der Befragten, die unzufrieden mit fremdgefährdenden und egoistischen Denk- und Handlungsweisen anderer Menschen sind, auf ein höheres Maß an Angst und Sorge, dem Risiko einer Coronavirus-Infektion verstärkt ausgesetzt zu sein.
Diese Ergebnisse zeigen, dass Menschen mit Beeinträchtigung oder Unterstützungsbedarf häufig einen eingeschränkten Zugang zu sozialer Teilhabe berichten und knüpfen damit an Ergebnisse aus dem Teilhabebericht und dem Teilhabesurvey an (BMAS, 2021, infas, 2022). Das Fehlen von sozialen Netzwerken trägt zu erhöhtem Einsamkeitserleben bei, wobei diese Teilhabe-Einschränkungen in direktem Zusammenhang mit dem Grad der Behinderung und dem Bildungs- und Erwerbsstatus stehen (ebd.). Das Bestehen von sozialen Netzwerken und Berufstätigkeit als Ressourcen und Puffer in kritischen Lebenssituationen stellen zentrale Faktoren dar, wenn es um die Inklusion von Menschen mit Beeinträchtigung und damit deren Zugangschancen zu wichtigen Lebensbereichen und Ressourcen geht. Entsprechend besteht hier auch erheblicher Forschungsbedarf (BMAS 2021, S. 118 ff.)

5. Fazit

Dieser Beitrag unterstützt bisherige Befunde zu Belastungen zu Beginn der Corona-Pandemie bei Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen aus dem deutschen Sprachraum (z.B. Boehle et al., 2021, Bolz & Van Nek, 2021, Habermann-Horstmeier, 2020, Meyer & Posthumus, 2020). Aspekte wie Kontrollerleben und Sozialkontakte standen dabei im Vordergrund. Durch den induktiven Forschungsansatz konnten zudem zusätzliche Aspekte identifiziert werden, die in weiteren Forschungsbemühungen sowie in der Entwicklung von Handlungsstrategien berücksichtigt werden sollten. So wird mit Blick auf Menschen mit Beeinträchtigungen besonders deutlich, dass die Wahrnehmung von Belastungen in einem komplexen Zusammenspiel zu sehen ist mit bereits im Vorfeld bestehenden Einschränkungen und individuellen Ressourcen wie sozialer Unterstützung und gesellschaftlichen bzw. solidarischen Hilfesystemen. Besonders zu berücksichtigen sind dabei bereits im Vorfeld bestehende Einschränkungen, die durch eine Krise noch virulenter zum Vorschein treten (Gignac et al., 2021; Lebrasseur et al., 2021b). Deutlich wird zudem die Sorge vor einem Vergessenwerden und länger andauernden Einschränkungen im Bereich der Teilhabe für Menschen mit Beeinträchtigungen: „Es ist auch so, dass das Thema Inklusion viel zu kurz kommt in der Krise; es ist auch so, dass man über jede Menge redet, aber die Menschen mit Behinderung vergisst man bei dieser ganzen Öffnungssache” (Fall 62, Pos. 1–2). Wirksame Handlungsstrategien zur langfristigen Sicherung von Teilhabemöglichkeiten für Menschen mit Beeinträchtigung sind daher, vor allem vor dem Hintergrund der bereits vor Beginn der Pandemie vorherrschenden Barrieren, von besonderer Bedeutung. Der vergleichsweise geringe Anteil an Forschungsberichten zum Einfluss der Corona-Pandemie auf Menschen mit Beeinträchtigung (Lebrasseur et al., 2021a, 2021b) zeigt zudem einen dringenden Bedarf an wissenschaftlich gestützten Erkenntnissen zur Lage und zu den Auswirkungen auf die Lebenswirklichkeit, die Teilhabechancen und gesundheitliche Aspekte der Pandemie für Menschen mit Beeinträchtigung. „Wichtig ist für die weitere Forschung zu sozialen Voraussetzungen und Folgen der Pandemie wie auch Bewältigungsstrategien, eine Lebenslaufperspektive einzunehmen, die die Diversität zwischen und innerhalb verschiedener Lebensphasen berücksichtigt“ (BMAS, 2021, S. 540).
Limitierend ist festzuhalten, dass es sich bei den vorliegenden Analysen um eine vergleichsweise kleine Stichprobe handelt. Zudem ist von einer selektierten Stichprobe auszugehen, da nur ein Teil der Befragten die letzte Frage offenen Antwortformats beantwortete. Die Ergebnisse sind an dieser Stelle als Hinweise zu verstehen. An einer größeren Stichprobe sollten die hier identifizierten Aspekte validiert werden. Interessant hierbei wären Gruppenvergleiche, so beispielsweise hinsichtlich verschiedener Wohnformen oder der Quantität und Qualität eines Unterstützungsbedarfs.

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