Zeitschrift für Inklusion

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Editorial zum Heftthema "Begriff Inklusion II"

 

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

wieder dürfen wir Sie zu einer neuen Ausgabe der Online-Zeitschrift für Inklusion begrüßen. Die Ausgabe 1 / 2013 befasst sich in Fortsetzung der Debatten in 4 / 2012, mit theoretischen Implikationen des Inklusionsbegriffs aus einer interdisziplinären Perspektive.

Rudolf Stichweh setzt sich wissenschaftshistorisch mit Inklusion und Exklusion aus soziologischer Sicht auseinander. Systemtheoretisch sind die beiden Begriffe aufeinander angewiesen und eng verbunden mit der Unterscheidung von sozialen und personalen Systemen. In der Theorietradition von Luhmann verweisen sie auf die Bedeutung von Funktionssystemen im Angesicht fortschreitender sozialer Differenzierung. Der Artikel fokussiert den Funktionskomplex Schule bzw. das Erziehungssystem und fragt nach dem Beitrag, den eine systemtheoretisch geleitete Betrachtung von Inklusion und Exklusion in diesem Zusammenhang zu leisten vermag.

Kerstin Hazibar und Paul Mecheril befassen sich diskursanalytisch mit der pädagogischen Rede von Behinderung. Die Maximen einer solchen "Behinderungspädagogik", wie sie als Teil des Integrations- und Inklusionsparadigmas, aber auch in den Disability Studies Verwendung finden, sind dabei konstitutiv für die pädagogische Unterscheidung von Behinderung und Nichtbehinderung. In ihrem politischen Begehren ist eine solchermaßen beschreibbare Behinderungspädagogik jedoch nicht widerspruchsfrei: Teilhabe- wie Anerkennungsdiskurse bestärken zugleich und unhintergehbar bestehende Herrschaftsverhältnisse – wobei sich die Frage stellt, unter welchen Bedingungen diese Widersprüchlichkeit praktisch im Verborgenen bleibt.

Mechthild Hetzel nimmt Stellung zum Verhältnis von Theorie und Praxis in der empirischen Inklusionsforschung. Dabei ist entscheidend, inwieweit in die Forschungsdesigns und empirischen Anlagen selbst das Wissen um die soziale Bedingtheit ihrer Modelle der Beschreibung, Erklärung und Deutung eingegangen ist. Die Autorin spricht sich für die Vermittlung einer praxisorientierten Inklusionsforschung mit einer sozial-, kultur- und sprachwissenschaftlich informierten Methodologie aus.

Ebenfalls auf Luhmann und darüber hinaus in kritischer Weise auf Foucault bezieht sich der Beitrag von Ruth Seifert. Sie nimmt die Rezeption der Begriffe Inklusion und Exklusion in und durch die Soziale Arbeit in den Blick. Eine kritische Prüfung der Rezeption von Inklusion und Exklusion führt in Handlungskontexten Sozialer Arbeit jedoch zur Beobachtung erheblicher Theoriedefizite. Allzu unvermittelt präsentiert sich die Disziplin als inklusionsorientiert. In der Praxis ist damit das Risiko verbunden, Exklusionsdynamiken, die möglicherweise auch in der eigenen Praxis verborgen sind, zu verkennen. Der Beitrag prüft, inwieweit eine theoretische Fundierung des Verständnisses von Inklusion und Exklusion auf der Basis einer Rezeption von Luhmann und Foucault Soziale Arbeit als politisches Projekt, wie auch in ihrer Handlungspraxis zu qualifizieren vermag.

Den schulischen Inklusionsdiskurs in Deutschland während der letzten zehn Jahre nimmt Andreas Hinz ins Visier. Eine kritische Betrachtung erfahren dabei die bildungspolitischen, verbandlichen und praktisch-pädagogischen Teildiskurse gleichermaßen. Ging es am Anfang noch in erster Linie um Abwehrreaktionen, haben sich inzwischen vor allem bildungspolitisch Lesarten des Inklusionsbegriffs durchgesetzt, die weithin von Unkenntnis zeugen und oder möglicherweise bewusste Verwässerungen darstellen. Aber auch die Wissenschaft hat sich nicht immun gezeigt gegenüber besagten Missinterpretationen und theoretischen Verkürzungen. Die dramatische Folge dieser Entwicklung ist eine Beliebigkeit der Verwendung des Inklusionsbegriffs, der jegliche Innovationsperspektive zu ersticken droht.

Sven Sauter unterzieht die Forderung nach einer Schule für alle vor dem Hintergrund der Zielperspektive, wie sie der Bildungsanspruch der UN-Behindertenrechtskonvention entwirft, einer kritischen Analyse. Es lässt sich gegenwärtig beobachten, dass die fachwissenschaftliche Debatte um eine Schule für alle auffällig die nach wie vor bzw. zunehmend bedeutsame soziale Frage vernachlässigt, wenn nicht weithin ignoriert. Der vollen selbstbestimmten sozialen Teilhabe als Menschenrecht stehen gegenwärtig keine messbaren Indikatoren zur empirischen Überprüfung gegenüber – ein Umstand, der dazu führt, dass die Maßstäbe für realisierte Inklusion willkürlich und in sozialer Hinsicht oft unbestimmt bleiben. Insbesondere die schulstrukturellen Reformen des Bildungswesens müssten auf der Basis entwickelter empirisch belastbarer menschenrechtsbasierter Indikatoren zur Bemessung von Prozessen inklusiver Bildung entwickelt werden. Bildung für alle in diesem Sinne hieße, sich mit den sozioökonomischen Bedingungen von Bildungsgerechtigkeit auseinanderzusetzen.

Johannes Hennies und Michael Ritter widmen sich dem Umgang mit Heterogenität in Grundschulpädagogik und Deutschdidaktik. Sie versuchen dabei der Vielschichtigkeit der Voraussetzungen, die Schüler und Schülerinnen mitbringen, in einer inklusionsorientierten Schule gerecht zu werden. Der Beitrag gibt einen Einblick in den didaktisch-konzeptionellen Diskus um Heterogenität im Deutschunterricht der Grundschule und gibt Hinweise für die Weiterentwicklung inklusionspädagogischer Ansätze.

Abschließend verweist Brigitte Schumann auf die von Deutschland und Österreich fast zeitgleich eingereichten zivilgesellschaftlichen Berichte zum Stand der Umsetzung der UN-Behindertenkonvention in den beiden Ländern. Besonderes Augenmerk gilt dabei in beiden Berichten der Umsetzung von Art. 24. Eine kritische Analyse der Berichte legt die menschenrechtlich begründete Notwendigkeit eines bildungspolitischen Paradigmenwechsels offen, der bislang als noch keineswegs vollzogen angesehen werden kann.

Als Themenschwerpunkte der folgenden Ausgaben sind geplant:
• Erfahrungen mit dem Index für Inklusion
• Arbeit (beruflicher Übergang) und Inklusion
• Hochschule und Inklusion – Unterstützungssysteme

Carmen Dorrance und Clemens Dannenbeck
für die Redaktion von Inklusion-Online

 
Veröffentlicht: 2013-04-27
 

Nr. 1 (2013)

Inhaltsverzeichnis

Beiträge

Rudolf Stichweh

Inklusion und Exklusion in der Weltgesellschaft – am Beispiel der Schule und des Erziehungssystems

Kerstin Hazibar Paul Mecheril

Es gibt keine richtige Pädagogik in falschen gesellschaftlichen Verhältnissen. Widerspruch als Grundkategorie einer Behinderungspädagogik

Mechthild Hetzel

Über Beschreibung und Klassifikation hinaus: Zum Verhältnis von Theorie und Praxis in empirischer Inklusionsforschung

Ruth Seifert

Eine Debatte Revisited: Exklusion und Inklusion als Themen der Sozialen Arbeit

Andreas Hinz

Inklusion – von der Unkenntnis zur Unkenntlichkeit!? - Kritische Anmerkungen zu einem Jahrzehnt Diskurs über schulische Inklusion in Deutschland

Sven Sauter

Bildung für alle – Schule für alle? - Ausblicke auf ein schulpädagogisches Spannungsfeld im Kontext von Steuerungslogik und der aktuellen Debatte um Inklusion

Johannes Hennies Michael Ritter

Grundfragen einer inklusiven Deutschdidaktik - Ein Problemaufriss

Brigitte Schumann

Menschenrechtsberichte der Zivilgesellschaft prangern an: Deutschland und Österreich verletzen die Rechte von Menschen mit Behinderungen